13/05 2006
Bietigheimer Zeitung
Interview: Billig kaufen kann teuer sein
Menschen dürfen nicht uniform sein und sich gleich verhalten: Geld für Luxus auszugeben, liegt in der Natur des Menschen, behauptet Autor Wolf Lotter.
Von Thomas Veitinger
Sie preisen die Verschwendung. Haben Sie heute Geld, Mittagessen zu gehen?
WOLF LOTTER: Auf jeden Fall, mein Wirt muss auch leben. Verschwenden bedeutet ja nicht, Geld zum Fenster rauszuwerfen. Verschwendung im Sinn von Erzeugen von Überfluss ist das Prinzip der Marktwirtschaft, Unternehmen leben vom Verkaufen und nicht vom Sparen. Deutschland aber hat eine der höchsten Sparquoten der Welt. Um unsere Probleme zu lösen, müssen wir wieder mehr ausgeben.
Geld ausgeben klingt anders als Verschwenden. Warum haben Sie diesen Begriff gewählt?
LOTTER: Ich wollte einen Buch-Titel, der Aufmerksamkeit auslöst und provoziert. Es ist ja lächerlich, was unter dem Titel Sparen alles behauptet wird. Unsere Kultur fußt auf Verschwendung im Sinn von immer Neues erfinden und Neues entdecken. Wer geistig verschwenderisch ist, ist produktiv und nützt anderen. Wer aber spart, egal was es kostet, richtet Schaden an.
Ein Beispiel?
LOTTER: Hartz IV. Die Arbeitsmarktreformen kosten drei Mal mehr, als sie einsparen. Oder Fusionen, die angeblich dem Sparen dienen. Mehr als 80 Prozent davon scheitern. Controller, die Firmen leiten, sind die erfolglosesten Manager.
Im Wirtschafts-Boom in den 50er Jahren wurde nicht verschwendet.
LOTTER: Meinen Sie? In der Zeit des Wirtschaftswunders gab es eine hohe Produktion und viel Fleiß, aber auch sehr freudigen Konsum. Es war eine lebensbejahende Zeit, das haben wir bis heute verlernt.
Aber ist es nicht menschlich, in einer Zeit zu sparen, in der man Angst um die Zukunft hat?
LOTTER: Vorsorge ist gut. Aber Kaputtsparen und Angstsparen nützt niemandem. Viele Leute kaufen heute Schrott ein. Schauen sie sich mal um, was gekauft wird. Das hat nicht immer etwas mit dem Einkommen zu tun, billig kaufen kann teuer sein, das hat meine Großmutter gewusst. Wir wollen uns ja auch ein wenig von anderen unterscheiden, so sind Menschen eben.
Nachhaltigkeit ist entsprechend der Gegenspieler?
LOTTER: So, wie sie in Deutschland viele verstehen, ist sie dumm, weil sie bedeutet, etwas zu streichen statt etwas zu schaffen. Die Knappheitsethik ist wie eine Zwangsjacke. Wer verschwendet, wer investiert, tut nicht nur selbst etwas Gutes, sondern hält auch noch andere in Lohn und Brot. Das haben etwa die Fürsten schon gewusst, die früher Schlösser bauten, die heute noch Touristen anlocken. Da leben noch die Ururenkel davon.
