08/04 2006
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG
Auf in den Überfluss!
Gürtel enger schnallen, sparen, jammern und mit weniger auskommen! Das ist der vertraute Klang der Zeit. In Unternehmen wie in der Politik. In sozialen Organisationen wie in Privathaushalten. Knappheit regiert das Leben. Nur nichts vergeuden, sonst geht es Land und Leuten noch schlechter als bisher. Wolf Lotter, Redakteur der Zeitschrift brand eins, hat diese Verzichtskultur in seinem neuen Buch näher untersucht: "Seit vier Jahrzehnten ist offensichtlich, dass die alte Welt der Industrie und ihre Denkungsart von gestern sind. Aber nach wie vor halten Staat und Institutionen, Parteien und Bürger daran fest, dass einfältige Systeme der Welt der Vielfalt weit überlegen sind."
Die Knappheitsethik, so Lotter, sei wie eine Zwangsjacke, die Befreiung unmöglich mache. Das Problem: Diese Denkfigur widerspricht jeder menschlichen Natur - und zweimal jeder wirtschaftlichen Realität. Denn der Mensch will aus dem Vollen schöpfen. Und die Wirtschaft braucht den Überfluss, um Produkte und Innovationen zu schaffen. Kurz gesagt, um im Geschäft zu bleiben. Beide Seiten leben durch Vielfalt und Verschwendung und nicht durch Geiz und Sparsamkeit. Deshalb hat Lotter ein wunderbares Plädoyer für mehr Ausgaben geschrieben. Gegen den Zeitgeist: "Verschwendung ist die Grundlage des Konsumismus, der wichtigsten wirtschaftlichen Kraft unserer Zeit."
Scharf seziert Lotter die Logik alter Industrien. Die Kartelle und Monopole, die mit standardisierter Massenproduktion immergleiche Produkte auf den Markt werfen und den Kunden als Konsumschaf denunzieren. Oder den dramatischen Niedergang der Industriearbeitsplätze, die seit Mitte der 90er Jahre jährlich um fünf Prozent abnehmen. "Das entspricht täglich mehr als 900 Arbeitsplätzen." Kein Wunder, wenn die Konsumrate sinkt. Wenn Jobs wegfallen, Löhne nicht steigen, wenn höhere Steuern die Bankkonten abschmelzen und wenn hohe Preise das Volk in stark und schwach unterteilen. Die Menschen fühlen sich eingekreist. Lotter schreibt: "Sie sind nicht mehr großzügig gebende, gute Menschen, sondern gehorsame Staatsbürger, die gezwungenermaßen einer anonymen Instanz unkontrolliert Geld übereignen. Am Ende ist der Geizige, der sich geil findet, das anerkannte Mittelmaß." Im Grunde aber ist er der "wahre Schmarotzer", weil er durch fehlenden Konsum dem Geldkreislauf die Mittel vorenthält.
So schreibt sich Lotter in Höchstform. Er bezeichnet Buchhalter und Ingenieure als "Wachhunde des industriekapitalistischen Systems". Er geißelt das planwirtschaftliche Denken in den Chefetagen der Konzerne. Der Autor bemitleidet gefügige Bürger, die frühzeitig dressiert und für das System kompatibel gemacht werden. In seiner langen Gardinenpredigt bleibt kaum ein Marktteilnehmer, den er nicht kritisieren würde.
Der Ausweg? Für den Autoren liegt er im Mehr-Konsum auf Basis einer überbordenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vielfalt. In der Konsumgesellschaft finden wir Sinn, Arbeitsplätze und Wohlstand. "Konsum ist die treibende Kraft der Welt geworden, und Konsum ist nichts anderes als pure, permanente Verschwendung." Wer das alles bezahlen soll? Maschinen und Automaten sollen den nötigen Mehrwert und Profit erwirtschaften. "Die moderne Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft kann es sich durch den immer höheren Grad an Automatisierung (und den damit verbundenen höheren Mehrwert) leisten, immer mehr Bürger einfach nur zu Konsumenten werden zu lassen." Es ist kein Wunder also, dass der Autor ein Anhänger von Grundeinkommen und Bürger-Erbschaften ist, wie etwa 70 000 Euro Startkapital für jeden 18-Jährigen. Lotters neues Werk ist überraschend, wild und kräftig - und damit fast kein Wirtschaftsbuch mehr.
Peter Felixberger
Wolf Lotter: Verschwendung.
Wirtschaft braucht Überfluss - die guten Seiten des Verschwendens. Carl Hanser Verlag, MÜnchen 2006, 254 Seiten, 19,90 Euro.
